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Die besten Fonts 2010

Da ist es also, das neue Jahr, und Typefacts möchte es sich nach einem erfolgreichen ersten Jahresrückblick nicht nehmen lassen, auch diesmal wieder einen Blick zurück durch die Brille des Schriftverrückten zu werfen und die zehn besten Schriften des Jahres zu küren.
Der eigentliche Star des abgelaufenen Jahres war zwar die sich immer mehr durchsetzende Webfont-Technologie, die endlich – wenn auch noch mit großen Qualitätsunterschieden – immer mehr typografische Vielfalt im WWW möglich macht (Deshalb auch eine kleine Anmerkung bei den als Webfont erhältlichen Schriften).
Und doch gab es letztes Jahr [mein Redaktionsschluß war November] auch wieder jede Menge wunderschöner brandneuer Schriften, von denen ich hier eine ganz und gar subjektive (und möglichst abwechselungsreiche) Top Ten vorstellen möchte, und zwar ohne wertende Reihenfolge:

Eames Century Modern
Erik van Blokland & House Industries [House Industries]

Bereits bei Veröffentlichung der beeindruckenden Schriftfamilie im März »twitterte« ich: »Die beste Clarendon kommt von Erik van Blokland«, und das war kein bißchen voreilig. Der Noordzij-Schüler und KABK-Professor hat eine Schrift geschaffen, die ihre Wurzeln bei den »modernen« amerikanischen Schriften des späten 19. Jahrhunderts hat, dabei aber sehr zeitgemäß und sympathisch-holländisch rüberkommt. Wer schon immer eine Clarendon mit Italics, Mediävalziffern, Kapitälchen, unzähligen Schnitten etc. pp. gesucht hat, kann endlich aufatmen – und alle anderen auch! Ein moderner Klassiker.

Die besten Schriften 2010: Eames Century Modern

FF DIN Round
Albert-Jan Pool [FontFont] – Auch als Webfont!

Daß Schriftgestaltung grundsätzlich unterschätzt wird, ist allgemein bekannt; Daß sie jedoch auch zur Wissenschaft werden kann, vermutlich weniger. Andere lassen per automatisiertem Skript die Ecken ihrer Schriften abrunden, nicht so Albert-Jan Pool. Er übersetzt die Grundidee der Ingenieursschrift mit einer unglaublichen Akribie ins typografische Detail und überläßt weder die Klothoide den Ingenieuren noch eine einzigen Anfasser dem Zufall. Eine beeindruckende Geschichte, die eine Antwort auf die oft gehörte Frage gibt, warum Schriften Geld kosten.

Die besten Schriften 2010: FF DIN Round

Business Penmanship
Ale Paul [Sudtipos]

Meine Schwäche für die Spitzfeder habe ich schon letztes Jahr kundgetan. Um so erfreuter nahm ich also das Projekt von »Mister Schreibschrift« Ale Paul zur Kenntnis, der der Roundhand den Kontrast nahm, ohne bei der Schulschrift zu landen, sondern bei der immer noch verblüffend eleganten Business Penmanship. Unzählige Akzentbuchstaben, Schnörkel, Alternativzeichen und Ligaturen erfreuen die Glyphpaletten-Spielkinder von Anchorage bis Tallinn.

Die besten Schriften 2010: Business Penmanship

Publico
Paul Barnes, Christian Schwartz, Kai Bernau & Ross Milne [Commercial Type]

Eine Schrift, die ursprünglich nach dem legendären Club Haçienda in Manchester benannt werden sollte, kann ja schon mal so schlecht nicht sein. Eigentlich eines der bemerkenswerten Abfallprodukte des Guardian-Großprojekts von Christian Schwartz und Paul Barnes, ist die in drei optischen Größen angelegte Publico bei der gleichnamigen portugiesischen Zeitung untergekommen und glücklicherweise auch für den Rest der Welt verfügbar. Wo Eames Century Modern einer amerikanischen Schrift einen holländischen Akzent gibt, wird hier einem holländischen Ansatz amerikanischer Geist eingehaucht.

Die besten Schriften 2010: Publico

Friska
Sascha Timplan [Stereotypes] – Auch als Webfont!

Zugegeben, die Anwendungsmöglichkeiten mögen begrenzt sein – Dem Charme von Friska bin ich trotzdem erlegen. Sascha Timplan hat sich von alten Filmtiteln inspirieren lassen, als er seine schnörkelige, zeitgemäße Jugendstilschrift Friska gestaltete. Die ist erstens sehr schön geworden und zweitens mit Multilingualität und zahlreichen konsequent auf den Display-Einsatz ausgerichteten typografischen Finessen gesegnet. Und weil Sascha auch noch so ein netter Kerl ist, empfehle ich sie doppelt gern.

Die besten Schriften 2010: Friska

Sense & Sensibility
Nick Shinn [Shinntype]

Sans & Serif? Alter Hut. Serif & Script? Schon gesehen. Sans, Semiserif & Serif? Alles schon da gewesen! Zeit also für etwas Neues: Sans & Sans! Der unvergleichliche Nick Shinn macht es möglich – Zwei Serifenlose mit einigen gemeinsamen Parametern (Abmessungen, Strichstärke, Kontraste …) in zwei Ausprägungen: Die kühle Sense zieht es zu Futura, die warme Sensibility zu Syntax. Die erste zerstrittene Schriftsippe also; Zwei unversöhnliche Schwestern, jede für sich absolut unwiderstehlich!

Die besten Schriften 2010: Sense & Sensibility

Herb
Tim Ahrens [Just Another Foundry] – Auch als Webfont!

Schriftgestalter lieben ihn wegen seiner essentiellen RMX-Tools und dem Just Another Test Text Generator, Webdesigner wegen des Facitizers und FontFonters. Die Rede ist von Tim Ahrens, der so ganz nebenbei auch noch Schriften macht; Und zuletzt hat er endlich seine Reading-Abschlußarbeit Herb vollendet, eine zeitgemäße Gebrochene, ganz ohne Kühle und Berührungsängste, dafür mit vielen schönen Extras wie Alternativen, Kapitälchen, Ornamenten und verschiedenen Ziffernsätzen.

Die besten Schriften 2010: Herb

Charlie
Ross Milne [Typotheque] – Auch als Webfont!

Das Zeitalter fortgeschrittener digitaler Typografie und allseitiger Vernetzung bietet auch dem Schriftgestalter eine Vielzahl ungeahnter Möglichkeiten, die jedoch nicht allzu oft genutzt werden. Prallvolle, intelligente OpenType-Fonts mit ausgeklügelten Features erfreulicherweise immer öfter auf, aber KABK-Absolvent Ross Milne zeigt mit dem kongenialen Peter Biľak und seiner Typotheque, daß man durchaus auch andere Wege beschreiten kann. Und so stellen sie (der auch als »normale« Schrift schon sehr reizvollen) Charlie gleich noch einen Weight Calculator zur Seite, der es intuitiv ermöglicht, die einzelnen Fonts in verschiedenen Punktgrößen mit identischer Strichstärke zu setzen.

Die besten Schriften 2010: Charlie

Williams Caslon
William Berkson [The Font Bureau]

Ähnlich wie Albert-Jan Pool nahm sich auch William Berkson nicht nur sehr viel Zeit für die Schrift an sich, sondern auch für die Dokumentation des spannenden Entstehungsprozesses. Er zeigt, daß die Geschichte der Caslon noch lange nicht zu Ende erzählt ist und ein Revival nach heutigen Gesichtspunkten viele Mißverständnisse, Versäumnisse und Limitationen früherer Digitalisierungen vergessen machen kann. Als klassischer Vierschnitter (mit Kapitälchen, verschiedenen Ziffernsätzen etc.) zielt sie klar auf den Mengensatz ab, Alternativen und Schwungschrift laden gleichzeitig aber auch zum Schaugrößeneinsatz ein.

Die besten Schriften 2010: Williams Caslon

FF Amman & FF Amman Sans
Yanone [FontFont] – Auch als Webfont!

Yanones Diplomarbeit (die offizielle Schrift für Jordaniens Hauptstadt Amman) hat eigentlich nur einen Nachteil: Bei allen beeindruckenden Innovationen (Erste echte arabische Kursive, erstmalig eigens gezeichnete kleine indische Ziffern samt fraction-Feature etc pp) vergißt man leicht, daß die riesige Schriftsippe auch ohne jeden arabischen Kontext wunderbar funktioniert. Eine wahnsinnig gut ausgebaute Superfamilie mit enormer Wärme und einem Charakter, der den derzeit omnipräsenten Trend zur typografischen Kühle hoffentlich bald überwinden kann. (Film ab!)

Die besten Schriften 2010: FF Amman & FF Amman Sans

Mehr Listen

Da meine Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben kann, hier nochmal die anderen Best-of-Listen:

Ein großes Dankeschön

… allen Designern und Foundrys für das freundliche Zurverfügungstellen der Fonts! In allen Fällen hatte ich es mit sehr netten und hilfsbereiten Ansprechpartnern zu tun, die mir schnell und unkompliziert aushalfen.

 

Kommentare (11) [abonnieren]

  1. 1 | Ivo | 04.01.2011 11:16

    Wie immer: hervorragende Zusammenstellung, großartige Showings und lesenswerte Texte, mein Lieber. Meine unbedingte Anerkennung.

    In diesem Jahr haben wir übrigens mehr Übereinstimmungen als üblich, wenngleich auch immer noch sehr wenig. Meine Liste wird in diesem Jahr übrigens aus Gründen erst in einigen Tagen veröffentlicht, im nächsten Jahr dann können wir die Salve wieder gemeinsam abfeuern.

  2. 2 | Indra | 04.01.2011 11:17

    Wow, elaborierte Liste! Danke, dass Du Dir nur für uns so viel Mühe machst. Ich kann verstehen, dass Du für die Beispiele gerne die fonts zur Verfügung gestellt bekommen hättest wollen.
    Aber nur deshalb eine Schrift aus der Liste kicken, die vielleicht einen Platz verdient hätte? Vielleicht kann man dann in dem Fall auf ein fertiges Bild zurück greifen, denn nun bin ich natürlich neugierig, welche Schrift Du ausgewählt hättest.

    Ich habe ähnliche Erfahrung auch schon mit anderen Schriftenhäusern, großen wie kleinen, gemacht, und irgendwie kann ich es verstehen.
    Nur weil ich ein Projekt mache, in dem ihre Schrift gezeigt werden soll (und damit ja super promo bietet), habe ich nicht automatisch ein Recht auf freie fonts. Inzwischen bekommen die foundries sicher täglich solche Anfragen. Und wer sagt ihnen denn, dass ich die Schrift nachher wirklich lösche, oder nicht doch weiter auf meinem Rechner anschauen werde, weil sie mir so gut gefällt?

  3. 3 | Christoph | 04.01.2011 11:44

    Du hast völlig recht, Indra, aber der Ton macht letztendlich die Musik. Lass uns lieber über das reden, was ich ausgewählt habe oder was Dir fehlt!
    Eine Top Ten zu benennen ist für mich schwierig genug, und da gibt es wenige, die auf keinen Fall fehlen dürfen. Zumal ich eine bunte Mischung möchte und z.B. nicht nur Serifenschriften, auch wenn es in einem Jahr 7 tolle gab …

    Ivo, ich hoffe, die Gründe sind gut zuhause angekommen!

  4. 4 | Christoph | 04.01.2011 12:03

    PS: Meinen Ton habe ich nach einigem Nachdenken über Deinen Kommentar gerade ein wenig geändert – ist vielleicht so dann auch bessere Musik.

  5. 5 | HD Schellnack | 04.01.2011 13:11

    Momentmomentmoment - du bekommst Schriften für den Review? Ich mach da was verkehrt, glaub ich :-D

  6. 6 | HD Schellnack | 04.01.2011 13:19

    PS:
    Eine Clarendon mit OSF, SC und allem Pipapo gabs übrigens auch vorher schon, nämlich von Canada Type und auch im strengeren Sinne «die» Clarendon:
    http://new.myfonts.com/fonts/canadatype/clarendon-text/

    EvBs Eames für House ist aber trotzdem eine phantastische Schriftfamilie - war auch kurz bei uns für ein CD im Gespräch, bei dem wir ohnehin die Neutra2 benutzen, aber nur für den Insidergag Neutra/Eames allein war die Schrift dann doch zu unpraktisch und einen Hauch zu «retro» für den Zweck :-D, momentan ist da eher etwas brav-handfestes wie die MetaSerif im Gespräch.

    Der Gag wäre aber trotzdem nett gewesen.

  7. 7 | verena | 05.01.2011 08:50

    Ich finde das albern. Christoph ist doch kein Unbekannter in der Branche. Und dass er mit den Schriften kein Schindluder treiben wird ist damit auch klar. Dafür ist die Typowelt ja klein genug, dass man sich kennt oder kennen sollte.
    Bei den millionen anonymen Anfragen, ok, aber hierfür? Ist doch die beste Werbung überhaupt.

  8. 13 | erdem | 14.05.2011 15:48

    endlich mal jemand der sher guten geschmack bewiesen hat…schöne collection:-)
    Ich finde die publico am schönsten :-)

  9. 19 | Lucas | 30.09.2011 11:02

    Ich bin immer noch sprachlos.
    Ein wirklich wunderschöner Einblick in die Schriftveröffentlichungen des Jahres 2010.
    Bin sehr gespannt was es dieses Jahr zu sehen gibt.

  10. 20 | Jens Sage | 05.12.2011 15:20

    Wunderbare Zusammenstellung, da bekomme ich ziemlich Lust, mal wieder in die Tasche zu greifen.

  11. 21 | Christoph | 07.12.2011 23:00

    Das freut mich, Jens! Und die Liste für dieses Jahr ist auch nicht mehr fern …

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