Der Apostroph ist ein faszinierendes Zeichen, denn bei keinem anderen stehen Notwendigkeit und Häufigkeit in so großem Mißverhältnis! Eigentlich könnte er also stolz sein, daß die Menschen ihn so lieben, wäre da nicht der unrühmliche Spitzname, den er sich in den vielen falschen, oft lächerlichen Anwendungen erworben hat: »Deppen-Apostroph«.
Erkennst Du den richtigen?
Nur einer ist der richtige: Klicke auf die Zeilen, um die Auflösung zu sehen! [Schrift: Scotch Modern]
Um ihn nicht völlig der Lächerlichkeit preiszugeben, könnte man es kurz machen:
Die radikale Lösung
Weg damit! Eigentlich würde ihn niemand vermissen; Wo er hingehört, wird oft ein falsches Zeichen verwendet und wo er nicht hingehört, ist er am häufigsten anzutreffen – auch mit falschem Zeichen. Und so finden sich sowohl in Deutschland (»Verzichten sie grundsätzlich auf Apostrophe. [Sie] stören das Schriftbild; sie stiften mehr Unruhe, als sie beim Lesen helfen«) als auch sogar im englischsprachigen Raum (»My position is that the apostrophe is on the way out.«) Befürworter dieser Radikalkur.
Aber erstens geht das nicht immer und zweitens wäre es auch ungerecht, wegen häufigen Mißbrauchs gleich das ganze Zeichen abzuschaffen.
Dann lieber in Maßen verwenden – und richtig.
Die fachgerechte Lösung
Da beim Apostroph der Wiedererkennungswert der falschen Zeichen und deren falscher Verwendung oft höher sein dürfte, fange ich damit an:
Kein Apostroph
Kein Apostroph: Am einfachsten zu erreichen und gleichzeitig mit dem geringsten Nutzen. Allenfalls als Ersatz für das Fuß-/Minutenzeichen legitim, sollte man das einfache Strichlein am besten grundsätzlich meiden (Ausnahmen: E-Mails, Code, Schreibmaschinensatz u.Ä.).
Kein Apostroph: Die Akzente sind zwar auch relativ leicht zu erreichen, haben aber keine Funktion, solange sich kein Buchstabe unter ihnen befindet.
Kein Apostroph: Das echte Fuß-/Minutenzeichen ist noch schwieriger erreichbar als der Apostroph, deshalb wird es auch höchst unwahrscheinlich als falscher Apostroph in Erscheinung treten. Näheres im Artikel »Grad, Fuß, Zoll, Minuten, Sekunden«.
Kein Apostroph: Wir kommen der Sache zwar schon näher, liegen aber immer noch knapp daneben. Im Englischen ein einfaches öffnendes Anführungszeichen, im Deutschen ein einfaches schließendes, ist dieses Zeichen im Grunde ebenso schwierig erreichbar wie der echte Apostroph, aber als vermeintlich korrekter »InDesign-Apostroph« trotzdem omnipräsent:
Der »InDesign-Apostroph«
Tippt man in InDesign (und anderen »schlauen« Programmen) ein einfaches Strichlein direkt hinter einem Buchstaben, will das Programm besonders schlau sein und setzt ein einfaches schließendes Anführungszeichen.
Am »InDesign-Apostroph« erkennt man Designer, die sich blind auf ihr Programm verlassen – achtet mal drauf!
Der richtige Apostroph
Jetzt aber. Der richtige Apostroph hat die Form einer 9 (mit gefüllter Punze), und das ist auch die gebräuchliche Faustregel. Im Deutschen gibt es das Zeichen zwar im Gegensatz zum Englischen nicht als Anführungszeichen, er kann aber vor allem bei alten Texten mit vielen Auslassungen dennoch verwirrend wirken (s. Artikel »Anführungszeichen«) – einer der Kritikpunkte der Apostrophen-Gegner.
Eselsbrücke: Der Apostroph hat die Form einer 9
Die Eselsbrücke funktioniert allerdings nicht immer. Vor allem bei serifenlosen Schriften kann die Form des Apostrophs abweichen; dort hat er oft die Gestalt eines nach rechts geneigten, oben etwas fetterem Striches, der allerdings nicht allzu weit von der 9 entfernt ist. Hier einige Varianten:

Verwendung (1): Falsch
Fangen wir auch hier am besten damit an wie er nicht verwendet werden sollte – also mit den klassischen »Deppen-Apostroph«-Fällen.
Nicht vor dem Genitiv-s!
Der »Wessen«-Fall braucht – im Gegensatz zum Englischen – im Deutschen keinen Apostroph.

[Schrift: GT Walsheim]
Ausnahmen
- Er darf zur Verdeutlichung verwendet werden, wenn der Begriff auch ohne Genitiv auf -s endet.

[Schrift: Pluto]Im Deutschen gilt das neben der Endung -s auch für -ss, -ß, -tz, -z und -x, außerdem für Fremdwörter auf -ce und -th: »Alice’ bester Freund«
- Außerdem darf die Regel wie jede gebrochen werden, wenn es dem Zweck dienlich ist: Ein American Diner sieht auch in Deutschland mit Apostroph amerikanischer aus: »Robert’s Diner«
Und wenn die Grundform verdeutlicht werden kann, drückt auch der strengste Typograf ein Auge zu: »Luca’s Osteria« statt »Lucas Osteria« - Jetzt ganz neu: Aus technischen Gründen darf z.B. auf Twitter ein Apostroph vor das Genitiv-s, sonst wird das s fälschlicherweise als Bestandteil des Twitternamens erkannt und falsch verlinkt:
Nicht beim Imperativ

Hör zu! Beeil Dich! Nimm! Pass auf! Geh weg! Beweg Dich! Laß (lass) das! – Alle Aufforderungen bitte ohne Apostroph.
Nie vor dem Plural-s und anderen Wörtern mit s am Ende!
Schier unerschöpflich ist der Reichtum an Absurditäten, von denen der Apostroph vorm Plural-s fast noch am harmlosesten ist:

[Schrift: Trim]
Nicht unbedingt vor »-sche«
Nach der neuen Rechtschreibung kann die Silbe »-sche« vom (dann großgeschriebenen) Namen abgetrennt werden. Ohne Apostroph ist es jedoch nie verkehrt:

[Schrift: GT Walsheim]
Verwendung (2): Richtig
Der Apostroph als Auslassungszeichen
Laut Forssman / de Jong ist die einzige Bestimmung des Apostrophs die Funktion als Auslassungszeichen. Er ersetzt nicht dargestellte Buchstaben und wird – ohne Leerräume – gesetzt wie diese:

(statt »Auf geht es nach Kaiserslautern!«) [Schrift: Elena]
Bei Verschmelzungen von Präpositionen und Artikeln ist jedoch schwer nachzuvollziehen, wo ein Apostroph stehen darf und wo nicht; Nicola Pridik hat eine gute Übersicht zusammengestellt:
- Ohne Apostroph: am, beim, im, vom, zum, hinterm, überm, unterm, vorm, hintern, übern, untern, vorn, zur, ans, ins, aufs, durchs, fürs, hinters, übers, unters, vors, ums
- Mit Apostroph: auf’m, aus’m, für’n, in’n, nach’m, durch’n, auf’n, für’n, gegen’s, mit’m, nach’m
Bedeutend häufiger kommt der Apostroph als Auslassungszeichen im Englischen und Französischen vor:

[Schrift: Pluto]
Kerning
Unter anderem am sorgfältigen Kerning (auch »Unterschneidung«) des Apostrophs läßt sich ein guter Font erkennen, siehe dazu auch den Kerningtest. Löcher wie in der Kombination »L’A« und Kollisionen wie bei »f’s« sollten vermieden werden:

[Schrift: Elena]













Scotch Modern
GT Walsheim
Pluto
Trim
Elena
amazon.de
Kommentare (13) [abonnieren]
Hallo Christoph,
danke für den Artikel, aber ich denke bei der Tastenkombi für Apple ist dir ein Fehler unterlaufen.
Die richtige Kombi lautet mMn. »Shift + Alt + #«.
(Nicht »Shift + Alt+ ^« wie oben beschrieben)
Siehe das Bild hier (aus Indesign CS5.5., MACOSX 10.7.5
http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=c0f753-1349771611.png
Schöne Grüße,
Rainer
Nachtrag: Ich habe für das Beispielbild die Minion verwendet …
Vielen Dank, Rainer, hab’s korrigiert!
Sehr schön. Danke dir für den ausführlichen Beitrag. Ich bin ja immer auf der Suche nach sowas. Und jetzt geht’s mir gleich besser ;)
Damit Apostroph, An- und Abführungszeichen korrekt in InDesign beim normalen Tippen gesetzt werden, stelle ich die Sprache des Textrahmens auf »Französisch« um.
Dann sind sie immer richtig herum (99, 66) sowie unten bzw. oben gesetzt. Natürlich muss in den Voreinstellungen die Verwendung von »Typographischen Anführungszeichen« eingeschaltet sein.
Wishu: Das freut mich zu hören! :)
NetzBlogR: Auch wenn das vielleicht erstmal hilft, ist es spätestens wegen der Trennungen keine gute Idee … Dann lieber am Ende per Suchen & Ersetzen die Übeltäter ausmerzen!
Lieber Christoph,
ein dickes MERCI für diesen super guten & ausführlichen Beitrag. Da springt das Herz gleich höher - es gibt nix grausligeres als »Info’s«, »CD’s« und co.
Ich werd in diesen Fällen jetzt deinen Artikel zitieren ;-)
Lieben Gruß aus Nürnberg!
Ich stimme hiermit frohen Herzens in den Danke-Kanon ein. Toller Artikel!
Allerdings habe ich – trotz ›deutscher‹ Einstellungen – keine Probleme im InDesign, beim Tippen die korrekten Zeichen zu setzen (NetzBlogR).
Weiter so!
ich staune auch immer wieder um sich über all der Deppenapostroph zwischenmogelt. Besonders beliebt scheint er bei Kleingewerbetreibenden »Biggi´s Blumenladen« oder Hassan´s Teppichbörse. Das schärfste was ich gesehen habe, war ein Pappschild in der Kneipe »Jetzt jeden Sonntag - Doris´ ihr Frühschoppen«
wunderbar…
InDesign: Nicht nur da läuft’s falsch …
Word (und vermutlich noch andere Programme) macht es bei der Eingabe mit ‚Hilfe‘ genau andersherum falsch:
‚einfache Anführungszeichen‘ richtig
‚einfache Anführungszeichen’ in Word – die Autofunktion benutzt also genau die umgekehrte Regel. Leider gibt’s da bei der üblichen Tastatur keine gute Lösung.
Mir hat man beigebracht, der Apostroph müsse immer aussehen wie das Komma in der gleichen Schrift, und in all den Jahren bin ich damit, meine ich, gut gefahren. Ich kenne mich zwar mit den vielen Schriften nicht aus; aber wäre das nicht die bessere Faustregel? Und gibts vollständige Schriftsätze, in denen der Apo weder wie eine Neun noch wie ein Komma aussieht?
Stoffel: Apostroph = Kommaform ist auf jeden Fall auch eine gute Faustregel. Ich laß meine mal stehen, auch wegen der ähnlichen bei den Anführungszeichen.
Und gibts vollständige Schriftsätze, in denen der Apo weder wie eine Neun noch wie ein Komma aussieht? Meines Wissens zumindest keine professionellen.
Christoph’s Ratschlag ist korrekt. Zu viele Imbisse haben es in den Duden gedrückt http://www.sueddeutsche.de/panorama/neue-rechtschreibung-sieg-des-deppenapostrophs-1.663780 seit 2010 (!)
Daran könnten sich die Grammatik-Nazis mal gewöhnen.
Kommentieren