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Apostroph

Der Apostroph ist ein faszinierendes Zeichen, denn bei keinem anderen stehen Notwendigkeit und Häufigkeit in so großem Mißverhältnis! Eigentlich könnte er also stolz sein, daß die Menschen ihn so lieben, wäre da nicht der unrühmliche Spitzname, den er sich in den vielen falschen, oft lächerlichen Anwendungen erworben hat: »Deppen-Apostroph«.

Erkennst Du den richtigen?

Zurücksetzen

Nur einer ist der richtige: Klicke auf die Zeilen, um die Auflösung zu sehen! [Schrift: Scotch Modern]

Um ihn nicht völlig der Lächerlichkeit preiszugeben, könnte man es kurz machen:

Die radikale Lösung

Weg damit! Eigentlich würde ihn niemand vermissen; Wo er hingehört, wird oft ein falsches Zeichen verwendet und wo er nicht hingehört, ist er am häufigsten anzutreffen – auch mit falschem Zeichen. Und so finden sich sowohl in Deutschland (»Verzichten sie grundsätzlich auf Apostrophe. [Sie] stören das Schrift­bild; sie stiften mehr Unruhe, als sie beim Le­sen helfen«) als auch sogar im englischsprachigen Raum (»My position is that the apostrophe is on the way out.«) Befürworter dieser Radikalkur.
Aber erstens geht das nicht immer und zweitens wäre es auch ungerecht, wegen häufigen Mißbrauchs gleich das ganze Zeichen abzuschaffen.
Dann lieber in Maßen verwenden – und richtig.

Die fachgerechte Lösung

Da beim Apostroph der Wiedererkennungswert der falschen Zeichen und deren falscher Verwendung oft höher sein dürfte, fange ich damit an:

Kein Apostroph

'
Einfaches Kodierungszeichen
shift+#
⇧+#
U+0027

Kein Apostroph: Am einfachsten zu erreichen und gleichzeitig mit dem geringsten Nutzen. Allenfalls als Ersatz für das Fuß-/Minutenzeichen legitim, sollte man das einfache Kodierungszeichen am besten grundsätzlich meiden (Ausnahmen: E-Mails, Code, Schreibmaschinensatz u.Ä.).

 
´
Akut-Akzent
´
´
U+00B4
`
Gravis-Akzent
shift + ´
⇧+´
U+0060

Kein Apostroph: Die Akzente sind zwar auch relativ leicht zu erreichen, haben aber keine Funktion, solange sich kein Buchstabe unter ihnen befindet.

 
U+2032

Kein Apostroph: Das echte Fuß-/Minutenzeichen ist noch schwieriger erreichbar als der Apostroph, deshalb wird es auch höchst unwahrscheinlich als falscher Apostroph in Erscheinung treten. Näheres im Artikel »Grad, Fuß, Zoll, Minuten, Sekunden«.

 
alt+0145
⌥+#
U+2018

Kein Apostroph: Wir kommen der Sache zwar schon näher, liegen aber immer noch knapp daneben. Im Englischen ein einfaches öffnendes Anführungszeichen, im Deutschen ein einfaches schließendes, ist dieses Zeichen im Grunde ebenso schwierig erreichbar wie der echte Apostroph, aber als vermeintlich korrekter »InDesign-Apostroph« trotzdem omnipräsent:

 

Der »InDesign-Apostroph«

Tippt man in InDesign (und anderen »schlauen« Programmen) ein einfaches Kodierungszeichen direkt hinter einem Buchstaben, will das Programm besonders schlau sein und setzt ein einfaches schließendes Anführungszeichen.

Der InDesign-Apostroph

Am »InDesign-Apostroph« erkennt man Designer, die sich blind auf ihr Programm verlassen – achtet mal drauf!

Der richtige Apostroph

Apostroph
alt+0146
⇧+⌥+#
U+2019
 

Jetzt aber. Der richtige Apostroph hat die Form einer 9 (mit gefüllter Punze), und das ist auch die gebräuchliche Faustregel. Im Deutschen gibt es das Zeichen zwar im Gegensatz zum Englischen nicht als Anführungszeichen, er kann aber vor allem bei alten Texten mit vielen Auslassungen dennoch verwirrend wirken (s. Artikel »Anführungszeichen«) – einer der Kritikpunkte der Apostrophen-Gegner.

Eselsbrücke: Der Apostroph hat die Form einer 9 

Die Eselsbrücke funktioniert allerdings nicht immer. Vor allem bei serifenlosen Schriften kann die Form des Apostrophs abweichen; dort hat er oft die Gestalt eines nach rechts geneigten, oben etwas fetterem Striches, der allerdings nicht allzu weit von der 9 entfernt ist. Hier einige Varianten:
Verschiedene Formen des Apostrophs

Verwendung (1): Falsch

Fangen wir auch hier am besten damit an wie er nicht verwendet werden sollte – also mit den klassischen »Deppen-Apostroph«-Fällen.

Nicht vor dem Genitiv-s!

Der »Wessen«-Fall braucht – im Gegensatz zum Englischen – im Deutschen keinen Apostroph.
Kein Apostroph vorm Genitiv-s!
[Schrift: GT Walsheim]

Ausnahmen

  1. Er darf zur Verdeutlichung verwendet werden, wenn das Wort in der Grundform
    (Nominativ) auf -s auslautet.
    Ausnahme: Bei Wörtern auf -s steht im genitiv in Apostroph
    [Schrift: Pluto]

    Im Deutschen gilt das neben der Endung -s auch für -ss, -ß, -tz, -z und -x, außerdem für Fremdwörter auf -ce und -th: »Alice’ bester Freund«

  2. Außerdem darf die Regel wie jede gebrochen werden, wenn es dem Zweck dienlich ist: Ein American Diner sieht auch in Deutschland mit Apostroph amerikanischer aus: »Robert’s Diner«
    Und wenn die Grundform verdeutlicht werden kann, drückt auch der strengste Typograf ein Auge zu: »Luca’s Osteria« statt »Lucas Osteria«
  3. Jetzt ganz neu: Aus technischen Gründen darf z.B. auf Twitter ein Apostroph vor das Genitiv-s, sonst wird das s fälschlicherweise als Bestandteil des Twitternamens erkannt und falsch verlinkt:
    Bei Twitter darf ein Apostroph vorss Genitiv-s

Nicht beim Imperativ

Beim Imperativ lieber kein Apostroph

Hör zu! Beeil Dich! Nimm! Pass auf! Geh weg! Beweg Dich! Laß (lass) das! – Alle Aufforderungen bitte ohne Apostroph.

Nie vor dem Plural-s und anderen Wörtern mit s am Ende!

Schier unerschöpflich ist der Reichtum an Absurditäten, von denen der Apostroph vorm Plural-s fast noch am harmlosesten ist:
Apostrophen-Nonsens
[Schrift: Trim]

Nicht unbedingt vor »-sche«

Nach der neuen Rechtschreibung kann die Silbe »-sche« vom (dann großgeschriebenen) Namen abgetrennt werden. Ohne Apostroph ist es jedoch nie verkehrt:
Möglich: Apostroph vor -sche
[Schrift: GT Walsheim]

Verwendung (2): Richtig

Der Apostroph als Auslassungszeichen

Laut Forssman / de Jong ist die einzige Bestimmung des Apostrophs die Funktion als Auslassungszeichen. Er ersetzt nicht dargestellte Buchstaben und wird – ohne Leerräume – gesetzt wie diese:
Apostroph als Auslassungszeichen
(statt »Auf geht es nach Kaiserslautern!«) [Schrift: Elena]

Bei Verschmelzungen von Präpositionen und Artikeln ist jedoch schwer nachzuvollziehen, wo ein Apostroph stehen darf und wo nicht; Nicola Pridik hat eine gute Übersicht zusammengestellt:

  • Ohne Apostroph: am, beim, im, vom, zum, hinterm, überm, unterm, vorm, hintern, übern, untern, vorn, zur, ans, ins, aufs, durchs, fürs, hinters, übers, unters, vors, ums
  • Mit Apostroph: auf’m, aus’m, für’n, in’n, nach’m, durch’n, auf’n, für’n, gegen’s, mit’m, nach’m

Bedeutend häufiger kommt der Apostroph als Auslassungszeichen im Englischen und Französischen vor:
Apostroph bei Rock 'n' Roll und co
[Schrift: Pluto]

Kerning

Unter anderem am sorgfältigen Kerning (auch »Unterschneidung«) des Apostrophs läßt sich ein guter Font erkennen, siehe dazu auch den Kerningtest. Löcher wie in der Kombination »L’A« und Kollisionen wie bei »f’s« sollten vermieden werden:
Apostrophen-Kerning
[Schrift: Elena]

 

Kommentare (20) [abonnieren]

  1. 1 | Schwalbenkoenig | 09.10.2012 09:37

    Hallo Christoph,

    danke für den Artikel, aber ich denke bei der Tastenkombi für Apple ist dir ein Fehler unterlaufen.

    Die richtige Kombi lautet mMn. »Shift + Alt + #«.
    (Nicht »Shift + Alt+ ^« wie oben beschrieben)

    Siehe das Bild hier (aus Indesign CS5.5., MACOSX 10.7.5

    http://www.bilder-upload.eu/show.php?file=c0f753-1349771611.png

    Schöne Grüße,
    Rainer

  2. 2 | Schwalbenkoenig | 09.10.2012 09:39

    Nachtrag: Ich habe für das Beispielbild die Minion verwendet …

  3. 3 | Christoph | 09.10.2012 09:56

    Vielen Dank, Rainer, hab’s korrigiert!

  4. 4 | Wishu Kaiser | 09.10.2012 10:32

    Sehr schön. Danke dir für den ausführlichen Beitrag. Ich bin ja immer auf der Suche nach sowas. Und jetzt geht’s mir gleich besser ;)

  5. 5 | NetzBlogR | 09.10.2012 10:38

    Damit Apostroph, An- und Abführungszeichen korrekt in InDesign beim normalen Tippen gesetzt werden, stelle ich die Sprache des Textrahmens auf »Französisch« um.

    Dann sind sie immer richtig herum (99, 66) sowie unten bzw. oben gesetzt. Natürlich muss in den Voreinstellungen die Verwendung von »Typographischen Anführungszeichen« eingeschaltet sein.

  6. 6 | Christoph | 09.10.2012 20:31

    Wishu: Das freut mich zu hören! :)

    NetzBlogR: Auch wenn das vielleicht erstmal hilft, ist es spätestens wegen der Trennungen keine gute Idee … Dann lieber am Ende per Suchen & Ersetzen die Übeltäter ausmerzen!

  7. 7 | Hannah | 10.10.2012 18:11

    Lieber Christoph,

    ein dickes MERCI für diesen super guten & ausführlichen Beitrag. Da springt das Herz gleich höher - es gibt nix grausligeres als »Info’s«, »CD’s« und co.
    Ich werd in diesen Fällen jetzt deinen Artikel zitieren ;-)

    Lieben Gruß aus Nürnberg!

  8. 8 | vielfarce | 11.10.2012 12:21

    Ich stimme hiermit frohen Herzens in den Danke-Kanon ein. Toller Artikel!

    Allerdings habe ich – trotz ›deutscher‹ Einstellungen – keine Probleme im InDesign, beim Tippen die korrekten Zeichen zu setzen (NetzBlogR).

    Weiter so!

  9. 9 | Sven | 15.10.2012 21:56

    ich staune auch immer wieder um sich über all der Deppenapostroph zwischenmogelt. Besonders beliebt scheint er bei Kleingewerbetreibenden »Biggi´s Blumenladen« oder Hassan´s Teppichbörse. Das schärfste was ich gesehen habe, war ein Pappschild in der Kneipe »Jetzt jeden Sonntag - Doris´ ihr Frühschoppen«
    wunderbar…

  10. 10 | Thomas | 29.10.2012 14:20

    InDesign: Nicht nur da läuft’s falsch …
    Word (und vermutlich noch andere Programme) macht es bei der Eingabe mit ‚Hilfe‘ genau andersherum falsch:
    ‚einfache Anführungszeichen‘ richtig
    ‚einfache Anführungszeichen’ in Word – die Autofunktion benutzt also genau die umgekehrte Regel. Leider gibt’s da bei der üblichen Tastatur keine gute Lösung.

  11. 11 | Stoffel | 25.01.2013 18:44

    Mir hat man beigebracht, der Apostroph müsse immer aussehen wie das Komma in der gleichen Schrift, und in all den Jahren bin ich damit, meine ich, gut gefahren. Ich kenne mich zwar mit den vielen Schriften nicht aus; aber wäre das nicht die bessere Faustregel? Und gibts vollständige Schriftsätze, in denen der Apo weder wie eine Neun noch wie ein Komma aussieht?

  12. 12 | Christoph | 26.01.2013 12:49

    Stoffel: Apostroph = Kommaform ist auf jeden Fall auch eine gute Faustregel. Ich laß meine mal stehen, auch wegen der ähnlichen bei den Anführungszeichen.
    Und gibts vollständige Schriftsätze, in denen der Apo weder wie eine Neun noch wie ein Komma aussieht? Meines Wissens zumindest keine professionellen.

  13. 13 | Frank | 06.03.2013 12:21

    Christoph’s Ratschlag ist korrekt. Zu viele Imbisse haben es in den Duden gedrückt http://www.sueddeutsche.de/panorama/neue-rechtschreibung-sieg-des-deppenapostrophs-1.663780 seit 2010 (!)
    Daran könnten sich die Grammatik-Nazis mal gewöhnen.

  14. 14 | Leo | 16.07.2013 20:01

    Wow, toller Artikel und schön aufbereitet. Schon lange nicht mehr so dankbar kommentiert :) Weiter so!

  15. 15 | Newspeak | 30.07.2013 14:31

    Beim Genitiv Apostroph lässt es sich streiten, ob untertängist die amtlichen Sprachregelungen befolgt werden sollten oder durch die Praxis diese Regel so lange gebrochen werden sollte, bis die Obrigkeit aufgeben muss. Sollte nicht Schrift- und Wortgebrauch durch die Praxis entschieden werden, wie es praktiziert wird in den Zeiten zwischen den staatlichen Rechtsschreibgesetzgebungen?

    Hier ein Auszug aus wikipedia:

    Die Verwendung von Apostrophen ist insbesondere vor dem Genitiv-s keine neue Erscheinung. Bis zum 19. Jahrhundert war diese Schreibweise üblich.

    Der Duden missbilligte diese Verwendung des Apostrophs zunächst nur: Bei Genitiven sei es „nicht erforderlich“, einen Apostroph zu setzen. Erst in der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1901 wurde diese Verwendungsweise für regelwidrig erklärt. In allen Epochen des 20. Jahrhunderts sind Fälle des nunmehr fehlerhaften Apostrophgebrauchs belegt. Wer vor 1901 Schreiben gelernt hatte, verwendete häufig weiterhin den Apostroph. So setzte auch Thomas Mann bei Substantiven, die auf Vokal auslauten, regelmäßig den Genitiv-Apostroph: Baron Harry’s, Johnny’s, Erika’s.

    Die erste nach der Befreiung durch die Alliierten erschienene Ausgabe einer deutschen Zeitung, die Aachener Nachrichten vom 24. Januar 1945, hatte als Titelschlagzeile Alliierte Flugzeuge zerschlagen Rundstedt’s Rückzugskolonnen. Traditionsreiche Handelsmarken mit Genitiv-Apostroph sind unter anderem Beck’s Bier, Kaiser’s Kaffee Geschäft oder Hoffmann’s Stärkefabriken.

  16. 16 | Christoph | 06.08.2013 20:48

    Guter Einwurf, danke!

  17. 17 | Antje | 23.10.2013 12:48

    Das ist schon gemein, als Beleg für das falsche „InDesign-Apostroph« eine Anzeige neben dem PAGE-Editorial zu zeigen. Was kann die PAGE-Chefredakteurin dafür, dass Werbetexter keine Ahnung von Typografie haben?

  18. 18 | Christoph | 23.10.2013 13:00

    Stimmt, die Hecke drunter hat sich auch schon beschwert. Bei den nächsten Fotos werd ich rücksichtsvoller sein, versprochen!

  19. 19 | Georg | 09.12.2013 13:37

    Danke für den tollen Beitrag. Ich liebe den Apostroph, habe aber ein ganz anderes topygrafisches Problem mit ihm. In Gedichten und v. a. Reimen steht der Apostroph als Auslassungszeichen manchmal vor einem Satzzeichen (Komma, Punkt, Semikolon etc.). »Aus dem Bauch heraus« würde ich Apostroph und Punkt/Komma vertikal zentrieren. Was sagen die Profis dazu?

    Ein paar Beispiele:

    Ehr’,
    Gesind’;
    Jahr’.

  20. 20 | Christoph | 10.12.2013 21:46

    @Georg: Ich würde sagen, daß die Reihenfolge der Satzzeichen grundsätzlich klar bleiben sollte. Etwas Unterschneidung ist sicher angebracht, aber genau untereinander würde ich sie nicht setzen.

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