Als »Kanon der Literatur« wird vor allem in der Philologie traditionell eine Zusammenstellung von Büchern bezeichnet, deren Kenntnis vorausgesetzt wird und die somit eine Wissensgrundlage bilden. Zuletzt war es Marcel Reich-Ranicki, der 2001 mit seinem Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke den Begriff des Kanons aus seiner Nische holte und ins Licht der Öffentlichkeit rückte.
Mir gefiel der Gedanke, den desorientierten (potentiellen) Leser an die Hand zu nehmen und ihm eine handliche Auswahl an Büchern ans Herz zu legen, deren Lektüre ein solides Fundament auf dem Feld der Typografie bildet. Doch geht das überhaupt?
Eine Expertenrunde mit faszinierendem Ergebnis
Ja – aber nicht allein! Ich messe meiner eigenen Auswahl nicht so viel Bedeutung bei, um sie als allgemeingültig zu bezeichnen. Deshalb habe ich mir Verstärkung geholt und die Frage den Typografie-Experten des deutschsprachigen Raums vorgelegt – mit faszinierendem Ergebnis! Denn die einzelnen Listen könnten unterschiedlicher kaum sein. Jede für sich bietet einen ganz individuell geprägten Zugang zu den Kernbereichen der Typografie, und in ihrer Gesamtheit entfalten sie erst die Pracht eines wahren Kanons.
Der Typefacts-Kanon der Typografie
Bücher machen
Jost HochuliSchrift gehört ins Buch, und was es mit dem Buch und der Schrift darin auf sich hat, erklärt Jost Hochuli auf höchst angenehme Weise.
Detailtypografie
Friedrich Forssman, Ralph de Jong
Das Standard-Nachschlagewerk zur Typografie, monumental und praxisnah. Es gibt keine Frage, auf die man hier keine Antwort findet.
The Elements of Typographic Style
Robert Bringhurst
Ein typografischer Rundumschlag im handlichen Format, von Makro bis Mikro, von damals bis heute, von der »uninspired pretzel« bis zur »overdressed printing hand«.
Buchstaben kommen selten allein
Indra Kupferschmid
Indra Kupferschmid gelingt ein Paradoxon: Eigentlich braucht man nach der Lektüre kein weiteres Typografie-Buch mehr zu lesen, man will es aber um so mehr.
Typolemik/Typophilie
Hans Peter Willberg
Mit seinen Schmähungen (Typolemik) und Liebeserklärungen (Typophilie) haucht Hans Peter Willberg der oft trocken daher kommenden Typografie Leben ein.
Der Kanon der Typografie, komplettiert
Friedrich Forssman
- Richard von Sichowsky, Typograph
Berthold Hack, Otto Rohse (Hg.) - Drucksachen, vor allem Bücher
Jost Hochuli - Typographische Kultur
Susanne Wehde - Bücher, Träger des Wissens
Hans Peter Willberg - Beliebiges, gern abseitiges Typographie-, Schriftmuster- oder Egalwasfürein-Buch, das gerade auf den Punkt bringt, was einem im Kopf herumspukt
(Beliebiger Autor)
»Ich find’ Bücher albern … die man nicht mit in die Badewanne und an den Strand nehmen kann. Ich halte das Buch für das Medium der Zukunft.« Erik Spiekermann bei Twitter
Ich habe nach der jeweils persönlichen Top-5-Liste gefragt; »Was mir am Herzen liegt, sind fünf Bücher, die einen möglichst breiten, fundierten Überblick vermitteln. Also sozusagen fünf Bücher, die alles beinhalten, was man wissen muß (so weit so etwas möglich ist).« und bewußt alles andere offen gelassen.
Ich bedanke mich herzlich bei meiner Expertenrunde, deren Teilnahme den Kanon der Typografie erst möglich gemacht hat!
